Ein Café in Tunis. Ein Softwareentwickler bekommt sein erstes Gehalt und kann davon gerade einmal einen Monitor, eine Maus und Schulmaterial für seine Schwester bezahlen. Für Ahmed Saidani wird dieser Moment zum Wendepunkt. Denn für ihn ist klar: Sein Freund hätte genauso gut bei Google arbeiten können. Das Problem ist nicht fehlendes Talent, sondern fehlender Zugang.
Heute baut Saidani gemeinsam mit Julia Inderst das Münchner Startup Kothontech auf. Ihre Mission: Deutsche Unternehmen mit den besten internationalen SoftwareentwicklerInnen zusammenbringen — und zwar ohne die typischen Risiken, die Firmen beim internationalen Hiring fürchten.
Recruiting ohne Lebenslauf
Kothontech beschreibt sich als KI-gestützte End-to-End-Plattform für internationales Tech-Hiring. Statt auf klassische Lebensläufe setzt das Startup auf einen mehrstufigen Auswahlprozess, der Fähigkeiten statt Keywords bewertet, wie Co-Gründerin Julia Inderst bei Pitch & People erklärt.
„Wir konzentrieren uns nicht auf CVs, sondern auf echte Fähigkeiten. Während viele Recruiting-Tools Bewerber anhand von Schlagwörtern filtern, setzen wir bei Kothontech auf Tests zu kognitiven Fähigkeiten, Coding-Skills, Persönlichkeit und Kommunikation.“
Das Ziel: Die „Top zwei Prozent“ internationaler SoftwareentwicklerInnen identifizieren.
Besonders aktiv ist das Startup aktuell in Tunesien. Kein Zufall: Mitgründer Ahmed Saidani stammt selbst aus dem Land und kennt den Markt genau — von Universitäten bis Arbeitsrecht.
Die Idee entstand aus Frust
Dass Kothontech heute existiert, liegt auch an persönlichen Erfahrungen. Saidani kam mit 18 Jahren aus Tunesien nach Deutschland, um Informatik zu studieren. Während seiner eigenen Bewerbungsprozesse fiel ihm immer wieder auf, wie wenig technisches Verständnis viele RecruiterInnen mitbringen.
Inderst erzählt im Podcast von einem typischen Insider-Witz unter EntwicklerInnen: HR-Abteilungen würden oft „fünf Jahre Erfahrung in einer Technologie verlangen, die es erst seit zwei Jahren gibt“.
Genau das wollte Saidani anders machen. Deshalb verfolgt Kothontech heute einen „skill-based, engineer-led“-Ansatz: Engineers bewerten Engineers.
Deutsche Firmen haben Angst vor internationalem Hiring
Die Nachfrage nach IT-Fachkräften ist riesig. Laut Inderst blieben allein 2023 und 2024 rund 150.000 IT-Stellen unbesetzt. Gleichzeitig sitzen hochqualifizierte EntwicklerInnen weltweit, oft ohne Zugang zu gut bezahlten Jobs.
Warum also stellen deutsche Unternehmen nicht längst international ein?
„Datenschutz, Arbeitsrecht, IP, Compliance. Viele Firmen haben Angst, etwas falsch zu machen. Gerade deutsche Unternehmen sind beim Thema internationales Hiring extrem vorsichtig“,
sagt Inderst.
Genau hier setzt Kothontech an. Das Startup agiert als sogenannter „Employer of Record“. Bedeutet: Die Kunden schließen keinen Vertrag direkt mit den EntwicklerInnen ab, sondern mit Kothontech. Das Münchner Startup übernimmt Payroll, rechtliche Themen, Datenschutz und Compliance. Für die Unternehmen soll internationales Hiring dadurch so einfach werden wie die Zusammenarbeit mit einem lokalen Dienstleister.
KI filtert — Menschen entscheiden
Aktuell umfasst der Auswahlprozess fünf Stufen. Zunächst analysiert die Plattform Fähigkeiten und Persönlichkeit automatisiert mithilfe von KI. Danach folgen Interviews und technische Assessments, die individuell auf die jeweilige Position zugeschnitten werden. Am Ende landen nur ein bis drei KandidatInnen beim Kunden.
Besonders spannend: Laut Inderst spielen klassische Techstack-Kenntnisse inzwischen nicht mehr die Hauptrolle. Entscheidender seien Problemlösungsfähigkeiten, Gewissenhaftigkeit und der Umgang mit KI-Tools.
Im Videocast berichtet sie von einem Fall, bei dem sich ein Kunde bewusst für einen Junior-Entwickler mit weniger Erfahrung entschied. Ausschlaggebend war dessen analytisches Denken im technischen Interview.
Julia Inderst ist Co-Gründerin des Münchner Startups Kothontech. Gemeinsam mit Mitgründer Ahmed Saidani entwickelt sie eine KI-gestützte Plattform, die deutsche Unternehmen mit hochqualifizierten internationalen SoftwareentwicklerInnen zusammenbringt. Der Fokus liegt dabei auf skillbasiertem Recruiting und internationalem Remote-Hiring. Vor der Gründung studierte Inderst Kultur- und Nahostwissenschaften und arbeitete im B2B- und Tech-Sales. Mit Kothontech verfolgt sie das Ziel, dem IT-Fachkräftemangel in Deutschland entgegenzuwirken und gleichzeitig Tech-Talenten aus Nordafrika bessere Karrierechancen zu ermöglichen.
500 EntwicklerInnen, 10 Kunden, 11 Placements
Noch ist Kothontech jung. Das Startup wurde ein Jahr lang durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert und finanziert sich inzwischen eigenständig weiter. Außerdem war das Team Teil des German Accelerators.
Die ersten Zahlen zeigen jedoch bereits Traktion: Mehr als 500 EntwicklerInnen haben den Vetting-Prozess auf der Plattform durchlaufen. Zehn Startups und Unternehmen konnte Kothontech bereits als Kunden gewinnen, insgesamt wurden bislang elf SoftwareentwicklerInnen vermittelt.
Langfristig wollen Inderst und Saidani das Modell auf weitere nordafrikanische Länder wie Marokko und Ägypten ausweiten und perspektivisch auch in andere europäische Märkte expandieren.
Denn für das Gründerteam ist klar: Der globale Kampf um Tech-Talente hat gerade erst begonnen.






