Als Katrin Stopp von Falkenstein Anfang 2023 Privatinsolvenz anmeldet, dürfte eine Startup-Gründung für die meisten anderen Menschen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Für die Juristin ist es dagegen der Startschuss für etwas Neues. Wenige Monate später beginnt sie mit dem Aufbau von Law.me, einer Legaltech-App, die Menschen bei rechtlichen Fragen unterstützen und gleichzeitig außergerichtliche Konfliktlösungen fördern soll.
Im Munich-Startup-Videocast Pitch & People spricht die Gründerin offen über finanzielle Rückschläge, geplatzte Investorenversprechen und die Entstehung eines Startups, das ohne Förderung oder externes Kapital aufgebaut wurde.
Recht für alle zugänglicher machen
Mit Law.me verfolgt Stopp von Falkenstein ein Ziel:
„Die App soll das Recht demokratisieren.“
Die Anwendung richtet sich an Menschen, die mit rechtlichen Fragestellungen konfrontiert sind, sei es im Mietrecht, Arbeitsrecht, Familienrecht, Erbrecht oder Gesellschaftsrecht. Selbst Themen wie NDAs oder verkehrsrechtliche Fragestellungen deckt die Plattform inzwischen ab.
Im ersten Schritt erhalten die NutzerInnen eine KI-gestützte rechtliche Ersteinschätzung. Zusätzlich bewertet die App die Chancen auf eine außergerichtliche Einigung oder Mediation.
„Wir möchten die Gesellschaft näher an das Thema Mediation heranführen. Meiner Erfahrung nach sind viele Konflikte lösbar, bevor Anwälte oder Gerichte involviert werden. Genau an diesem Punkt möchte ich mit Law.me ansetzen.“
Von der Mediationsberaterin zur Startup-Gründerin
Die Idee entstand nicht über Nacht. Bereits nach ihrem Jurastudium beschäftigt sich Stopp von Falkenstein intensiv mit außergerichtlicher Konfliktlösung und gründet eine Beratung für außergerichtliche Einigungen.
Als sie 2022 die ersten Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz beobachtet, erkennt sie eine Möglichkeit, ihre bisherige Arbeit zu skalieren. Im April 2023 beginnt die Entwicklung von Law.me.
Gründen ohne Kapital
Anders als viele GründerInnen startet Stopp von Falkenstein ohne InvestorInnen, ohne Förderprogramm und ohne eigenes Kapital. Statt sich von fehlenden finanziellen Mitteln bremsen zu lassen, beginnt sie sofort mit der Ausarbeitung eines Pitch Decks und dem Aufbau ihres Netzwerks in der Münchner Startup-Szene.
Besonders positiv hebt sie dabei das lokale Ökosystem hervor:
„Ich glaube, wir haben mit die beste Startup-Szene.“
Die eigentliche Entwicklung der Plattform wird möglich, weil sie EntwicklerInnen von ihrer Idee überzeugen kann. Diese steigen gegen Unternehmensanteile ein und helfen dabei, aus der Vision ein marktfähiges Produkt zu machen.
Der Weg in die Privatinsolvenz
Parallel zur Entstehung von Law.me kämpft die Gründerin allerdings mit einer persönlichen Krise.
Bereits 2018 kauft sie zwei Mehrfamilienhäuser. Die Kalkulation erscheint damals solide, sogar die finanzierende Bank überzeugt das Vorhaben. Doch die Rahmenbedingungen verändern sich.
Steigende Gaspreise und höhere Nebenkosten führen dazu, dass Stopp von Falkenstein die Immobilien nicht mehr wie geplant wirtschaftlich betreiben kann. Gleichzeitig wächst die Verantwortung gegenüber der MieterInnen.
Für sie stand damals vor allem die Verantwortung gegenüber den BewohnerInnen im Vordergrund. Durch die Insolvenz sollte sichergestellt werden, dass die Versorgung der MieterInnen weiterhin gewährleistet bleibt.
„Ich habe mich in der Verantwortung gesehen, dass ich jetzt die Insolvenz schnell anmelden muss, damit die Versorgung wieder stimmt. Und dann habe ich aus der Privatinsolvenz heraus gegründet“.
Der Investor, der nie zahlte
Zu den finanziellen Herausforderungen kommt wenig später ein weiteres Problem hinzu.
Ein Investor steigt bei Law.me ein. Geplant ist ein Investment in Höhe von einer Million Euro. Verträge werden unterschrieben, die Gründerin beginnt bereits damit, weitere Schritte für das Wachstum des Unternehmens vorzubereiten. Doch das Geld wird nie überwiesen. Aus Wochen werden Monate, immer wieder verschiebt sich die Auszahlung.
Fünf Monate lang wartet sie auf die versprochene Finanzierung. Schließlich zieht sie die Konsequenzen und beendet die Zusammenarbeit.
„Ich habe ihn dann im März entlassen und gesagt: Es hat keinen Sinn.“
Warum Bootstrapping mehr als Finanzierung sein kann
Trotz der geplatzten Finanzierung gibt die Gründerin nicht auf. Im Gegenteil: Die Erfahrung bestärkt sie in ihrer Überzeugung, dass Bootstrapping auch Vorteile haben kann. Wer ohne große Finanzierungsrunde starte, müsse genauer rechnen, bessere Entscheidungen treffen und kreativer nach Lösungen suchen.
Als Beispiel nennt sie ihren eigenen Alltag. Sie habe ihre privaten Ausgaben konsequent reduziert und hinterfrage jede Investition mehrfach. Für sie ist das kein Nachteil, sondern Teil einer unternehmerischen Denkweise.
Katrin Stopp von Falkenstein ist Juristin, Mediations-Expertin und Gründerin des Münchner Legaltech-Startups Law.me. Mit der KI-gestützten Plattform möchte sie den Zugang zum Recht vereinfachen und Menschen frühzeitig bei rechtlichen Fragen sowie außergerichtlichen Konfliktlösungen unterstützen. Vor der Gründung von Law.me setzte sie sich bereits mit ihrer Beratung für Mediation und nachhaltige Konfliktkultur ein. Bekannt ist die Unternehmerin zudem für ihren offenen Umgang mit ihrer Gründungsreise, die sie trotz Privatinsolvenz und ohne externe Finanzierung erfolgreich vorantrieb.
Vertrauen als Erfolgsfaktor
Eine besondere Herausforderung für Legaltech-Anbieter besteht darin, Vertrauen aufzubauen. Schließlich treffen Nutzer auf Basis der bereitgestellten Informationen oft weitreichende Entscheidungen. Stopp von Falkenstein setzt deshalb bewusst auf Transparenz und persönliche Sichtbarkeit.
Unter dem Namen „Law Mediator“ dokumentiert sie auf Social Media ihren Gründeralltag, spricht über Erfolge, Fehler und Herausforderungen. Stopp von Falkenstein sieht ihre persönliche Marke als wichtigen Baustein für den Erfolg der Plattform.
Aktuell führt Law.me Gespräche mit großen Rechtsschutzversicherungen. Die Idee: Viele rechtliche Fragen könnten durch digitale Erstanalysen vorbereitet oder sogar gelöst werden, bevor kostenintensive Beratungen oder Gerichtsverfahren notwendig werden. Dadurch würden sowohl Versicherungen als auch Versicherte profitieren.
Das Pendant zu Tinder
Für die kommenden Jahre hat die Gründerin ein klares Ziel. Menschen sollen bei rechtlichen Fragen automatisch an Law.me denken.
„Ich möchte das Pendant zu Tinder werden: Wenn Menschen nach Liebe suchen, denken sie an Tinder. Wenn sie nach ihrem Recht suchen, sollen sie an Law.me denken.“






